Ostern

Datum: 20.April 2014, Ostersonntag
Position: 52° 41,6′ N 004° 06,5′ E
Etmal: 85 sm
Wetter: Lufttemperatur: 12° C Wassertemperatur: 10,5° C
Wind: NE 4
Autorin Clara S.

Wecken um 4.30 und drei Stunden Wache, war noch alles ganz normal. Vielleicht hat man schon während einer Sicherheitsronde etwas gerochen, aber erst kurz nach 8, nach der Wachübergabe, war es soweit. Die Tische waren richtig österlich geschmückt: An den Wänden hingen vom Vorabend aus bunter Pappe gebastelte Hasen oder Eier. Auf den Tischen waren Osterservietten, Brotkörbe mit warmem Brot, Hefezopf, gekochte, bunte Eier – und auch Nutella durfte nicht fehlen. Es war Ostern! Die Eier durfte man erst essen, wenn man beim „Dätschen“ verloren hatte, wenn das eigene Ei beim Aneinanderschlagen also als Erstes einen Riss bekam.
Um 11.00 Uhr sollte heute das Osternestsuchen anfangen. Der Osterhase war nämlich kurz bei Familie Sänger vorbeigekommen und hatte dort Süßigkeiten für die KUSis abgeholt (Im Namen von jedem einzelnen KUSi 13/14 möchte ich mich ganz, ganz herzlich bedanken für diese Versüßung unseres Ostersonntags!!!). Über Nacht war der Osterhase dann auf die Thor geflogen, hatte die Süßigkeiten in fünfzig grün gepunktete Servietten aufgeteilt, die persönlichen Ostergrüße daran gebunden (per Los hatten wir bestimmt, wer für wen einen schreiben sollte) und dann auf der Thor im Innenbereich versteckt.
Doch es war gerade erst kurz vor neun. Auch wenn Schlafen vielleicht sinnvoll gewesen wäre, hatte ich mehr Lust, etwas zu schreiben, weshalb ich dann mit einem Block und Bleistift in meiner Koje saß und überlegte. Zuerst schrieb ich eine Liste mit Fragen über die Zukunft an das Zukunfts-ich, was etwa ein Vierteljahr älter ist. Danach schrieb ich Tagebuch und klebte den Fragenzettel ein.
Endlich startete die Osternestsuche mit der Essensglocke. Bei 50 Nestern ist es absolut nicht schwer ein Nest zu finden, man sah schon drei auf Anhieb und fünf weitere in Schubladen und Bänken, aber das eigene fand man nicht. Eine halbe Stunde und etliche Nester hinter Schotts, hinter Büchern, in Kruschkisten, hinter der Kühllast… später, fand ich mein Nest vor dem E-Raum in einer roten Kiste mit Kabeln.
Auf das Festessen am Mittag hatten sich alle schon lange gefreut und für viele war es das Highlight des Tages: Lamm mit Kartoffeln, Knödel und Bohnen, für die Vegetarier statt Lamm paniertes Sellerieschnitzel.
Nach dem Mittagessen wollte ich mich dann schlafen legen, aber weil ich mich zu hibbelig fühlte, half ich der Backschaft die vielen Töpfe und Schüsseln abzuspülen und aufzuklaren. Als Dankeschön bekam ich zum Kaffee von ihnen eine zweite Portion Schokoeis mit heißen Beeren.
Weil es Sonntag war, war auch für unsere Wache kein Reinschiff, weshalb ich nach dem Kaffee für meine Projektgruppe Öffentlichkeitsarbeit die Etappe Kiel – Dover fertig layouten konnte. Währenddessen haben Kai und Paul am Tisch vor mir Schwarzwälderkirschtorte für den Ostermontag gebacken. Die Zeit ging viel zu schnell vorbei und plötzlich wurde ich von Svenja um 16.30 zur Wache „geweckt“.
Unterwäsche, Skiunterwäsche, Sweatshirt, Jeans, Fleece-pulli 1, Fleece-pulli 2, Fleece-pulli 3, Ölhose, Öljacke, Mütze und Skihandschuhe. Draußen war es gar nicht sooo kalt, weshalb ich dann irgendwann die Handschuhe auszog. Es war eine sehr schöne Atmosphäre. Der sich langsam orangefärbende Himmel und die grünen Wellen haben mich ruhig werden lassen. Der Tag klang aus. In einer freien halben Stunde setzte ich mich auf die Rettungsinsel Steuerbord achtern, überkreuzte die Beine, legte die Hände in den Schoß und genoss den Moment. Matthias stand am Ruder und alberte mit Amara herum. Ich lächelte, während meine Augen wie durch den Horizont starrten. Jetzt waren es nur noch sechs Tage. Viel zu wenig. Und doch würde ich die Reise nicht nochmal für einen weiteren Monat verlängern wollen. Ob meine Familie jetzt an mich dachte? Erzählten sie sich: „In sechs Tagen ist Clara wieder da!“? Und was war mit meinen Freundinnen? Wie sahen sie dem Wochenende entgegen? Bei ihnen waren jetzt Osterferien. Hatten sie es womöglich gar nicht auf dem Schirm, dass ich schon am 26. April einlaufen würde. Widerstand. Ich wollte nicht! Ich wollte und will mich immer noch nicht von der Thor trennen! Von meinem Leben hier, dem Alltag, meiner Großfamilie, allen KUSis, mit denen man so gut reden, aber auch herumalbern kann. Ich wollte nicht die Thor verlassen, meine Koje und Kammer aufgeben, allein in meinem Zimmer schlafen, was voll mit all meinen Sachen ist. …Wieder durch den Wald spazieren, zum Fluss, auf meinem Bett liegen und durchs Dachfenster in den blauen Himmel starren… – Nie wieder mit all meinen KUSis zusammen in der Messe essen. Nie wieder in der Kombüse stehen und für alle Essen kochen. Nie wieder mit ihnen Wache gehen, nie wieder die Thor segeln oder das euphorische Gefühl, wenn die Maschine ausgeht… Aber ich denke, genau das ist das Leben, man kann nichts festhalten, wenn es Zeit ist, dass es weitergeht.
Danke für all die wunderschönen Momente, und auch die schlechten, aus denen ich so viel gelernt habe. Danke, dass ich hier sein durfte, dass ich das hier erleben durfte.
Danke. Amara teilte mich für eine Maschinenronde ein, ich löste mich aus der Gedankenwelt, rutschte traurig lächelnd von der Rettungsinsel, meldete mich bei Alex und Birgit ab und trat in die Maschine ein.

Liebe Grüße
Clara S

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